Zermürbende Biomasse

Lünern. Gasgewinnung aus Biomasse ist für die Landwirtschaft eine zusätzlich Einnahmequelle. In Lünern fürchten die Anwohner einer Nebenstraße, für den Erfolg einer Anlage in Bönen zahlen zu müssen.

Foto und Bericht aus dem Hellweger Anzeiger vom 24.11.2018

Von Sebastian Smulka
Das Rumpeln kommt phasenweise. Es gibt Zeiten, in denen die Biomasse in ihrer Anlage am Hachenei ruht und bedächtig ihre Gase ausströmt. Aber wenn sie „ausgegoren“ ist, muss neue Masse herbeigeschafft und der alte Inhalt der Anlage abgefahren werden. „Vor dem Holz“ wackeln dann die Wände. Schwere Transporte eines Spediteurs fahren in Zeitabständen von vielleicht 20 Minuten durch die kleine Siedlung im Norden Lüners – über eine Straße, die dafür nicht ausgelegt und auch nicht freigegeben ist.

Die Straße „Vor dem Holz“ ist für Fahrzeuge über 2,8 Tonnen tatsächlichem Gewicht gesperrt. Für Anlieger gibt es eine Ausnahme. Die Lieferanten der Biomasse aber sind keine Anlieger: Ihr Fahrtziel liegt jenseits der Stadtgrenze auf dem Gebiet der Gemeinde Bönen. Die Fahrer nehmen eine Abkürzung. Von den echten Anliegern angesprochen räumen sie es ein und erklären, dies geschehe auf Weisung des Anlagenbetreibers, zur Kostenreduzierung.

Seit einigen Jahren schon fürchten die Anlieger in Lünern, für die Kostenersparnis des Geschäftsmannes aus Bönen irgendwann bezahlen zu müssen. Die Fahrbahn vor ihrer Tür leidet unter der Belastung durch die Transporte. Sollte die Stadt Unna die Straße einmal grundlegend erneuern müssen, droht den Anliegern eine Kostenumlage.

Passives Erdulden ist jedoch nicht ihre Sache. Die Anlieger haben sich organisiert, in Gesprächsrunden miteinander und auch mit dem Anlagenbetreiber Lösungen gesucht. Gebracht hat es nichts.

Seit einigen Tagen nun spitzt sich die Lage zu. Die Firma in Bönen hat Post bekommen vom Ordnungsamt der Stadt Unna. Die Behörde weist den Betreiber der Biogasanlage ausdrücklich darauf hin, dass sein Lieferverkehr die Straße „Vor dem Holz“ zu umgehen habe. Wenige Tage später rollte die Transportkette schon wieder durch die Siedlung „Vor dem Holz“. Zwölf schwere Lastwagen an einem Vormittag zählte eine Rentnerin.

Das Engagement des Unnaer Ordnungsamtes in dieser Sache loben die Anlieger ausdrücklich. Allerdings ist nun ein Punkt erreicht, an dem die Möglichkeiten der Behörde ausgeschöpft scheinen. Selbst kontrollieren darf die Stadt nur den „ruhenden Verkehr“. Der rollende ist Sache der Polizei.

Sie hat von der Stadt bereits eine Bitte um Amtshilfe erhalten – also eine Bitte um Kontrollen. Erfahrungsgemäß lassen diese sich nicht lückenlos durchsetzen. Und dass die Polizei hinzugezogen werden könne, hatte die Stadt dem Anlagenbetreiber bereits in ihrem Schreiben in der vergangenen Woche angedroht.

Die Anlieger hätten das Problem gerne gelöst, ohne zur „Keule“ zu greifen, betonen sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Denn Strafen für das verbotswidrige Befahren der Anliegerstraße träfen die Fahrer. Ob sie auf Weisung eines Auftraggebers handeln, spielt bei der Ahndung einer Ordnungswidrigkeit keine Rolle. Die Männer am Steuer der Lastwagen säßen zwischen den Stühlen.